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Helga Römer

Geschichte der Buch- und Medienfernleihe

Die Buch- und Medienfernleihe für Gefangene und Patienten ist niemals "gegründet" worden, sondern aus dem Bedarf an einer solchen Einrichtung nach und nach entstanden.

Schon bald, nachdem die Gefangeneninitiative – ein Verein, der sich die Betreuung von Gefangenen und ihren Angehörigen zur Aufgabe gemacht hat – in Dortmund 1979 mit ihrer Arbeit begann, wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins von Inhaftierten um Bücher gebeten, die in den Haftanstaltsbüchereien nicht zu finden waren. Keine verbotenen Titel, sondern Sachliteratur, Schulbücher, Gedichtbände, juristische Literatur natürlich, Klassiker und aktuellere Romane wollten die Gefangenen lesen. Zuerst mussten  die Bücherschränke von Bekannten und Verwandten in Anspruch genommen werden, dann kamen Bücher von anderen Buchspendern hinzu.

1983

Die Büchertauschzentrale (BTZ) entstand: eine kleine Bücherei, schon mit einer selbstgemachten Systematik und Inventarlisten, die den Gefangenen zur Verfügung standen. Das Angebot des Vereins sprach sich in den Haftanstalten herum, und immer mehr Gefangene baten um Bücher.

1986

Anfang 1986 stellte die Stadt Dortmund dem Verein für seine Bücher vier Räume in einem leerstehenden Schulpavillon im Schulzentrum von Dortmund-Aplerbeck, in der Schweizer Allee, zur Verfügung. Durch die Presse aufmerksam geworden, erhielt der Verein Buchspenden von Büchereien und Bibliotheken, Verlagen, Institutionen, Buchhandlungen und Privatpersonen. In den neuen Räumen häuften sich Bücherkisten und Kartons bis zur Decke, und ausgemusterte Regale der Stadtbücherei Dortmund lagen überall herum. Der Verein bat wiederum über die Presse um ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Regale aufbauen und die Bücherflut für die Gefangenen erschließen konnten. Etwa 30 Dortmunderinnen und Dortmunder meldeten sich, 15 engagierten sich über ein Jahr und länger. Die Bücher wurden nach einer anderen Systematik, der ASB, geordnet. Bibliotheksmaterial spendete die Stadtbücherei Dortmund, Schreibmaschinen mussten mitgebracht werden. Es herrschte eine Aufbruchstimmung.

Im Mai 1986 wurde die Bibliothek wieder eröffnet. Sie bekam jetzt den treffenderen Namen: "Buchfernleihe für Gefangene" (BFL). Die Presse berichtete über das neue Bibliotheksprojekt, und das Arbeitsamt genehmigte 6 ABM-Stellen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ehrenamtliche und angestellte, betrachteten diesen Termin als Entstehung einer neuen Bibliothek. Jedes Jahr wurde der Jahrestag gefeiert – voll Freude, dass sich dieses Projekt trotz aller Schwierigkeiten behauptet hatte.

Dortmunder OB Günter Samtlebe

Als neuartiges und – wie es sich bald herausstellte – auch als einmaliges Bibliotheksprojekt suchte man sich bei der Justiz, aber auch in der bibliothekarischen Fachöffentlichkeit bekannt zu machen. Zu Gast in der Buchfernleihe waren die Sozialdienste vieler Justizvollzugsanstalten, Bibliothekare und Bibliotheksassistenten verschiedener Bibliotheksarten. Gegenbesuche, um die Buchfernleihe vorzustellen, wurden vor allem in nordrhein-westfälischen Haftanstalten und in Berlin gemacht.

Auch Politiker interessierten sich für das ungewöhnliche Bibliotheksprojekt: die Bezirksvertretung, Landtagsabgeordnete und der Oberbürgermeister von Dortmund, Günter Samtlebe, informierten sich vor Ort.

1987

Ende 1987 tagte der Rechtsausschuss des Landes NRW in Anwesenheit des Justizministers, Dr. Rolf Krumsiek, in den Räumen der Bibliothek.

Auf der Fachmesse für Bibliotheken 1987, 1989, 1991 und 1994 in Dortmund gehörte die Buchfernleihe mit zu den Austellern.

Helga Knocke bei der Arbeit in der Bibliothek

1986-1990: Helga Knocke bei der Arbeit in der Bibliothek.

1990

Von 1990 bis 1992 erhielt die "Buchfernleihe für Gefangene" eine Anschubfinanzierung durch das Land NRW.

Das Auswärtige Amt informierte die Botschaften und Konsulate und die wiederum die Haftanstalten in verschiedenen EU-Ländern über das Angebot der Bibliothek und seit dieser Zeit konnten auch vereinzelt deutsche Gefangene in Frankreich, Spanien, Griechenland, Portugal, Großbritannien und anderen EU-Ländern Bücher der Bibliothek ausleihen. Die deutsche protestantische Gemeinde in Thailand vermittelte Bücher an deutsche Gefangene in die Haftanstalt in Bangkok; auch aus den USA und den früheren Ostblockstaaten kamen Anfragen.

Im September 1990 geriet die Bibliothek in eine erste schwere Krise, da der Trägerverein Insolvenz anmelden musste. Alle Bücher und das Bibliotheksmaterial wurden von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gekauft. Im Winter 1990 übernahm ein neuer Verein, der "Arbeitskreis Gefangenenarbeit", der sich  nach ein paar Jahren in "Gefangeneninitiative 90 umbenannte", als Trägerverein auch die Bibliothek, und die Arbeit konnte weiter geführt werden.

1992

Am 27.12.1992 vernichtete ein Feuer den Schulpavillon und einen großen Teil des Buchbestandes der Buchfernleihe. Da aus Kostengründen weder Bibliotheksmöbel, Material, noch Bücher versichert waren, musste man sich die Frage stellen, ob eine Fortsetzung der Arbeit möglich sein würde.

Viele Gefangene, regelmäßige Leser der Buchfernleihe, baten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek, doch die wichtige Arbeit fortzusetzen und den Inhaftierten eine Ergänzungsbibliothek zu den Haftanstaltsbüchereien zu erhalten.

Nach dem Brand stellte die Stadt Dortmund der Buchfernleihe durch den Schulleiter der Realschule in Aplerbeck Räume in einem anderen Schulpavillon zur Verfügung. Eine Welle der Hilfsbereitschaft von Bibliotheken (u.a. der Universitätsbibliothek und der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund), der Stadtsparkasse Dortmund, des Arbeits- und Sozialamtes, der Continentalen Versicherung, besonders aber vieler Verlage, Buchhandlungen und Privatpersonen machten einen Neubeginn möglich.

1994

1994 verfügte die Buchfernleihe wieder über einen Buchbestand von 40 000 Bänden, dazu kamen 1000 Sprachkurse auf Kassetten. Die vielen Verlagsspenden hatten sich positiv auf die Aktualität des Sachbuchbestandes ausgewirkt.

1996

Im April 1996 feierte die Bibliothek im Beisein des Oberbürgermeisters von Dortmund und zahlreicher Ehrengäste ihr zehnjähriges Jubiläum. Die Presse berichtete davon. Als ein Projekt der Gefangeneninitiative Dortmund und Nachfolgerin der Büchertauschzentrale war die Buchfernleihe 1986 entstanden.

Vorstand des Kunst- und Literaturvereins für Gefangene

2002

Im Juli 2002 übergab die Gefangeneninitiative 90 die Bibliothek mit 30.000 Büchern, Inventar und Namen an den "Kunst- und Literaturverein für Gefangene", der die Bibliothek unter dem Namen "Buch- und Medienfernleihe für Gefangene und Patienten" weiterführt.

 

Gebäude an der Marsbruchstraße

2003

Da der Schulpavillon, in dem die Bibliothek 17 Jahre lang untergebracht war, abgerissen werden musste, wechselte die Bibliothek im Mai 2003 in ein freistehendes Haus auf dem Gelände der "Westfälischen Klinik für Psychiatrie" in Dortmund-Aplerbeck.

 

2006

2006 musste die Bibliothek einem Berufskolleg für lernschwache Gartenbauschülern weichen und zog  mit inzwischen 35 000 Bänden in eine leerstehende Fertigungshalle ins Industriegebiet Dortmund-Dorstfeld.

17 Jahre lang hatte die Stadt Dortmund, 3 Jahre lang die "Westfälische Klinik" Miete und Nebenkosten der Bibliothek übernommen; seit 2006 trägt der Verein auch diese Kosten allein.

2011

Im Frühjahr 2011 wird die Bibliothek 25 + x Jahre alt. Sie hatte in dieser Zeit viele Schwierigkeiten zu überstehen, bedingt auch durch finanzielle Engpässe. Bis zum heutigen Tage wird die Bibliothek gestützt und getragen von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die durch die bestätigenden Briefe der Gefangenen aus ganz Deutschland und auch aus dem EU-Ausland davon überzeugt sind, dass sie sich für eine gute und sinnvolle Arbeit einsetzen.

Nach dem Umzug nach Dorstfeld

"Büchertauschzentrale", "Buchfernleihe für Gefangene" und "Buch- und Medienfernleihe für Gefangene und Patienten": Das sind die drei Namen, die diese Bibliothek nacheinander trug.